Catherine Gruber-Zurbriggen
Thaumazo: Mein Manifest
Kunst beginnt im Staunen.
Ein Werk trägt die Bedeutung einer gemachten Erfahrung, die sich nicht vollständig fassen lässt.
Thaumazo bedeutet: staunen.
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Staunen ist kein Gefühl und kein Zustand, den man herstellt.
Es ist eine Haltung wacher, nicht festgelegter Offenheit gegenüber dem, was sich zeigt.
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Kunst entsteht für mich dort, wo Wahrnehmung nicht sofort eingeordnet,
bewertet oder verwertet wird, sondern wo Erfahrung zugelassen wird.
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Erfahrung meint hier nicht bloss Empfindung,
sondern eine durchlebte Wahrnehmung, die sich im Prozess klärt und in Form verdichtet.
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Ich arbeite aus innerer Wahrnehmung heraus.
Nicht, um äussere Erwartungen zu erfüllen, sondern um dem nachzugehen, was sich zeigt.
Meine Ansprüche an die Arbeit setze ich selbst.
Gleichzeitig bleibe ich offen für das, was im Prozess entsteht.
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Diese Offenheit ist nicht beliebig.
Sie verlangt Aufmerksamkeit und klare Entscheidungen.
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Ein Werk kann entstehen, wenn eine gemachte Erfahrung Bedeutung trägt.
Diese Bedeutung wird nicht zugesprochen, sondern erfahren.
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Diese Bedeutung entsteht nicht von selbst.
Sie zeigt sich im Prozess von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Entscheidung und Setzung.
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Kunstschaffen bringt persönliche Erfahrung in Beziehung zu dem,
was sich nicht vollständig fassen lässt,
und zu der Welt der Formen und Gegensätze, in der wir leben.
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In diesem Prozess können sich Antworten ergeben,
mehr noch aber offene Fragen.
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Wahrnehmung vertieft sich, und Zusammenhänge werden nicht erklärt,
sondern erfahrbar.
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Im künstlerischen Prozess gibt es Momente, in denen sich entscheidet,
ob etwas trägt oder verloren geht.
Diese Momente sind nicht sicher.
Sie verlangen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Risikobereitschaft.
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Der Wert eines Werkes entsteht nicht durch äussere Bewertung,
sondern im Umgang mit eigener Erfahrung, Prozess und Form.
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Ästhetik ist nicht an Schönheit gebunden.
Sie entsteht dort, wo Erfahrung in eine Form findet, die trägt –
auch im Schweren, im Brüchigen oder im Chaos.
Sie ist kein vorgegebenes Ziel, sondern das Ergebnis eines Prozesses,
in dem Wahrnehmung, Erfahrung und Form zusammenfinden.
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Thaumazo ist keine Methode.
Es ist kein Angebot und kein Versprechen.
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Thaumazo ist die Haltung, aus der meine künstlerische Arbeit entsteht.
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Thaumazo bezeichnet in der hier verwendeten Bedeutung eine von Catherine Gruber entwickelte künstlerische Haltung und das daraus hervorgehende künstlerische Tun.